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Medienresonanz

Pressebericht 4

Starke Stumme

Unterrichtsexperiment: Drei Tage ohne verbale Kommunikation - eine elementare Erfahrung

Was passiert, wenn man für ein paar Tage den sprachlichen Kontakt zu den Mitmenschen kappt, die Medien ausblendet und sein Gefangensein in der Gesellschaft testet? Diese Frage, angerissen im Sozialkundeunterricht einer elften Jahrgangsstufe am St.-Ursula-Gymnasium in Attendorn, mündete in einem Experiment. Sechs Schülerinnen und drei Schüler beschlossen, drei Tage zu verstummen. Kein Wort, keine Unterhaltungselektronik. Einzige Ausnahme: Im Unterricht durfte gesprochen werden, allerdings nur zum Thema. Sieben Schüler hielten den Sprung in die "Asozialität" durch.

Um eine "Container-Atmosphäre" analog zu "Big Brother" herzustellen, zogen die Teilnehmer in das Schulgebäude, eine ehemalige Internatsschule, ein. Sie standen permanent unter Beobachtung durch Sozialkundelehrer Frank Kugelmeier, der das Projekt initiiert hatte, und durch zwei Zwölftklässler, die über das Projekt ihre Facharbeiten schreiben wollten.

Die Schüler erkennen rasch, dass es nicht einfach ist, in der Außenwelt klarzukommen, wenn man auf die üblichen Kommunikationsmittel verzichtet. Die Reaktionen der Mitschüler und Lehrer reichen von Hilfsbereitschaft bis zu Provokation. André etwa gerät unerwartet rasch ins gesellschaftliche Abseits, als er sich seinen Kumpels nicht gleich verständlich machen kann. "Ach, du darfst ja nix sagen", wenden sie sich brüsk ab. Die "Stummen" bemühen sich, nonverbal zu kommunizieren, anfangs vor allem mit Händen und Füßen. Den Zeigefinger kurz an die Schläfe gehalten und dann in die Luft gestreckt bedeutet: "Ich habe verstanden." Später nutzen sie auch das Fingeralphabet.

Die Hauptkommunikation läuft indes über das geschriebene Wort. Wenn Mimik und Gestik nicht ausreichen, helfen Zettel und Stift. Besonders Effektive wie Sven haben ständig vorbereitete Mitteilungen parat, von simplen Botschaften wie "Ja", "Nein", "Danke", "Hunger!" bis hin zu komplexen Äußerungen: "Wenn ich jetzt nicht mit dir rede, dann drückt das nur meine Abneigung dir gegenüber aus!"

Das Experiment hatte eine Wirkung, die die Gruppe so nicht vorausgesehen hatte. Denn das Schweigen und die Ersatzrituale bedeuteten vor allem Stress und Anstrengung. Wer sich vorgenommen hatte, Tagebuch zu schreiben oder mehr zu lesen, musste erkennen, dass daraus nichts wurde. Vimala sagt rückblickend: "Ich hatte erwartet, mir mehr Gedanken zu machen als sonst, aber man begann, nur noch von einem Moment zum anderen zu denken, ohne Dinge genauer zu planen."

Drei Tage können unendlich lang sein, wenn man auf Handy und CD-Player verzichten muss. "Es ging mir mehr an die Nerven, als ich gedacht habe", sagt Sven. Dennoch können sich die meisten vorstellen, ein zweites Mal unter vergleichbaren Bedingungen teilzunehmen. Mancher wäre sogar bereit, für eine ganze Woche zu verstummen.

Was als sozialwissenschaftliches Projekt begann, endet als Selbsterfahrung und erweist sich als praktische Lebenshilfe: Die Schüler lernen, was es bedeutet, anders zu sein, sich als "Behinderte" unter "Normalen" behaupten zu müssen. Jasmin etwa, die einen Gehörlosen kennt, der oft geärgert wird, wird sich ihm gegenüber anders verhalten, "weil ich jetzt weiß, wie es ist, wenn man sich nicht rechtfertigen kann".

Auch Lehrer Frank Kugelmeier ist zufrieden mit dem Ausgang des Experiments. Bei zukünftigen Versuchsanordnungen ähnlicher Art würde er vielleicht deutlicheren Einfluss auf die Zusammensetzung der Gruppe nehmen oder - als Härtetest - auf Papier und Stift als Kommunikationsmittel verzichten. Er hat auch für sich selbst eine interessante Erfahrung gemacht, nämlich im Unterricht mehr gestikuliert und einfachere Sätze gebildet, damit ihn die Schüler besser verstehen. "Ich habe unwillkürlich aus ihrem äußeren, ungewohnten Erscheinungsbild auf ihren Geisteszustand geschlossen. Ein Fehler, der einem sicherlich bei vielen Menschen, die von der eigenen Norm abweichen, unterläuft."


Aus: Rheinischer Merkur, Nr.37 (11.9.2003), S.16 (Autorin: Simone Knewitz).


©  Simone Knewitz/Rheinischer Merkur, Bonn 2003 und
Frank U. Kugelmeier, Attendorn 2003-2010

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